Theorie der erlernten Hilflosigkeit
Quelle: Meyer W., Gelerne Hilflosigkeit, 2000
Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit ist ein zentrales
Erklärungsmodell für reaktive Depressionen. Eine lange Reihe
von Forschungsprojekten hat zur Theoriebildung beigetragen. Das ursprüngliche
Konzept besagt, dass Misserfolg bei Aufgaben auch bei späteren Aufgaben
Leistungsdefizite hervorruft. Das wurde zwar oft beobachtet, erklärte
aber nicht, warum manche Testpersonen durch Misserfolg bei künftigen
Aufgaben eher angespornt waren. Ebenso waren damit keine Aussagen zu machen,
warum manche Personen als Folge negativer Lebensereignisse kurzzeitig depressive
Symptome zeigen, während sie sich bei anderen als dauerhaft erweisen.
Das änderte sich jedoch grundlegend, nachdem attributionstheoretische Überlegungen
in das Konzept einbezogen wurden. Danach bestimmt insbesondere die Ursachenerklärung,
die wir für einen Misserfolg oder für ein negatives Lebensereignis
vornehmen, ob bzw. über welchen Zeitraum wir als Folge in unseren Anstrengungen
nachlassen, bzw. ob wir eine kurzzeitige depressive Verstimmung oder eine chronische
Depression entwickeln.
Wesentliche Faktoren der Ursachenerklärung (Attribution)
Lokalisationsdimension
Inwieweit hat die Ursache der negativen Erfahrung mit der eigenen Person (internal) oder mit anderen Personen oder Umständen (external) zu tun.
Stabilitätsdimension
Handelt es sich um über längere Zeit andauernde (stabile) Ursachen oder sind diese in kurzer Zeit leicht veränderbar (instabil).
Globalitätsdimension
Inwiefern beeinflusst die Ursache verschieden Aufgaben bzw. Situtationsbereiche (global) oder nur die gerade aktuelle Aufgabe bzw. Situation (spezifisch)
Einbeziehung der Kontrolltheorie
Die Kontrolltheorie fußt auf der Annahme, dass persönliche Souveränität maßgeblich dadurch beeinflusst wird, wie weit man annimmt Kontrolle (Beeinflussbarkeit) über sich bzw. die situativen Umstände zu haben. Mit der Höhe der Unkontrollierbarkeitserwartung steigt auch das Motivationsdefizit.
Kernaussagen
Leistungsdefizite nach Misserfolg oder depressive Verstimmung nach negativen
Lebensumständen gehen auf ein Motivationsdefizit zurück, welches
hervorgerufen wird durch die Erwartung, Erfolg oder Verbesserung der Umstände
durch eigene Anstrengung nicht erzielen zu können.
Je internaler, gobaler und stabiler die Ursache erklärt (attribuiert)
wird, desto ausgeprägter werden die Motivations und Leistungsdefizite
bzw. Depressionen über Zeit und Aufgaben/Situationsgegebenheiten hinweg
generalisiert.
Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Störungen
Die Theorie beansprucht nicht, alle Erscheinungsformern depressiver Störungen
erklären zu können. Sie bezieht sich auf eine Variante, die als „Hoffnungslosigkeitsdepression“ bezeichnet
wird. Sie unterscheidet sich nicht in der Symptomatik sondern in ihren
Entstehungsbedingungen.
Hoffnungslosigkeit meint, dass man das zukünftige Auftreten negativer
Ereignisse als wahrscheinlich hält bzw. das zukünftige Auftreten
positiver Ereignisse als unwahrscheinlich ansieht und über keine Handlungsmöglichkeiten
verfügt, dieses zu ändern.
Die Tendenz, negative Lebensereignisse bevorzugt auf internale, stabile und
globale Ursachen zu attribuieren (depressiver Attributionsstil) stellt einen
bedeutsamen Risikofaktor für Depression dar.
Für den klinischen Alltag (in Diagnostik und Therapie) ist die Veränderung
des depressiven Attributionsstiles von besonderer Bedeutung!
